Digitalisierung: Die Wirtschaft braucht mehr CDO

Der Chief Digital Officer ist eine vergleichsweise neue Position in den Unternehmen. Doch der Bedarf nimmt zurzeit gerade in Produktionsbetrieben und der Industrie zu. Zahlen verweisen auf die Aufgaben der Führungskräfte, aber auch darauf, welche Kompetenzen sie mitbringen sollten. von Oliver Merx

Eine neue Führungsaufgabe entwickelt sich in Unternehmen: Der digitale Wandel fordert die Koordination unterschiedlicher Projekte und die Bildung interdisziplinärer Teams. Diese Aufgaben übernehmen jetzt auch im deutschsprachigen Raum immer öfter die Chief Digital Officers (CDO). Diese Führungskräfte geben der Digitalisierung Richtung und forcieren das Tempo. Seit dem Frühjahr 2016 begleitet der CDO-Kompass (cdo-kopass.de) diese Entwicklung, er analysiert die Zahlen rund um die Nachfrage. Wichtigste Bobachtung: Die CDO gewinnen langsam an Profil, ihr Einsatzfeld wird klarer.

Die Zahl der CDO in Deutschland, Österreich und in der Schweiz hat sich im Vergleich zum Vorjahr bis heute mehr als verdoppelt. Ende Dezember 2016 arbeiteten etwa 180 CDO, heute sind es 380. Bis Ende 2017 werden vermutlich mehr als 400 CDO bestellt sein, Tendenz weiter steigend. Die Bezeichnung „Chief Digital Officer“ ist weder rechtlich geschützt, noch klar umrissen. Die empirische Sicht hilft, das Einsatzfeld der CDO einzugrenzen und lässt Rückschlüsse auf laufende Digitalprojekte zu.

Grenzgänger zwischen Wissensfeldern

Unternehmen sehen sich durch Neuerungen in der Wirtschaft, vom Wettbewerb und ihren Kunden herausgefordert, digitale Techniken einzusetzen und eigene Services zu entwickeln. Das wirkt auf alle Abteilungen und auf die Geschäfte. Die Organisation reagiert darauf, indem sie die Interaktion mit Kunden verändert und dafür neu entstandene Kommunikationskanäle nutzt, oft auch, indem sie digitale Einheiten, etwa einen Online-Shop oder den Kundenservice, ausgründet, aber auch, indem sie Schnittstellen zu Lieferanten, Partnern und Kunden entwickelt. Im Gegensatz zu anderen Führungskräften agieren CDO bereichsübergreifend. Sie erkennen, wie sich die Organisation verändern muss, um den Online-Vertrieb oder die digitale Kundenansprache zu verbessern. Abhängig von den Märkten sowie der Agilität des Unternehmens setzen sie Schwerpunkte.

Dafür benötigen CDO übergreifendes Wissen. Das spiegeln auch die Zahlen wider: 2016 brachten rund 42 Prozent der CDO eine kaufmännische Ausbildung mit, aktuell sind es 37 Prozent. Zwar achten Unternehmen heute eher auf technische Erfahrungen, trotzdem bleibt Wirtschaftswissen gefragt, weil Kernaufgabe der Digitalisierung die Anpassung von Geschäftsmodellen ist. Unternehmen wie die Robert Bosch GmbH haben daher den CDO als „Business Chief Digital Officer“ positioniert, dessen wichtigste Aufgabe die Entwicklung neuer Business-Modelle ist.

Doch technische Kompetenzen gewinnen an Relevanz: Das lässt sich mit der wachsenden Verzahnung von Geschäft mit Informations- und Kommunikationstechnologie erklären. Produkt- oder Service-Innovationen fußen heute immer öfter auf digitale Techniken. Außerdem suchen derzeit verstärkt die Produktions- und Industrieunternehmen CDO. Sie suchen generell stärker nach Kandidaten mit naturwissenschaftlich.-technischer Ausbildung. Folglich wächst die Zahl der CDO mit entsprechenden Abschlüssen: Brachten 2016 knapp 30 Prozent ein naturwissenschaftliches Diplom mit, sind es jetzt 35 Prozent. Die Vermutung liegt nahe, dass CDO in Bereiche der Chief Technical oder Chief Information Officers (CTO, CIO) vordringen.

CDO auch in Verwaltungen gefragt

Daneben gibt es eine dritte Gruppe, aus der sich die Führungskräfte rekrutieren: die Kommunikationsexperten, häufig mit sozialwissenschaftlichem und Medienhintergrund und Erfahrungen im Kundenservice. Die Digitalisierung fordert die Konzentration auf den Kunden, folglich treiben diese CDO den Wandel voran, indem sie Kundenwünsche systematisch erfassen und Verbraucher oder Geschäftskunden auf allen verfügbaren Kommunikationskanälen ansprechen. Diese CDO nähern sich dem Aufgabenfeld des Chief Marketing Officers an. Wie der eher kaufmännisch geprägte CDO sind auch die Kommunikationsexperten eher auf dem Rückzug: Stellten sie 2016 noch 26 Prozent der CDO, sind es aktuell 21 Prozent.

Die Einsatzfelder für CDO differenzieren sich aus, trotzdem charakterisieren sie sich als Grenzgänger zwischen Kompetenzbereichen. Offensichtlich bedarf die Digitalisierung einer Querschnittskompetenz, die auch Unternehmen erkannt haben. Allen voran suchen derzeit die Industrie und ihre Zulieferer: Die Anzahl der CDO hat sich in diesem Bereich von 29 im Dezember 2016 auf heute 71 mehr als verdoppelt. Zum Vergleich: Im Medienumfeld stieg die Zahl der CDO von 31 auf 48.
Doch das eigentlich Neue der Entwicklung findet im Kleinen statt: CDO verbreiten sich in immer mehr Branchen und Unternehmen. Sogar Krankenhäuser, Stadtwerke und öffentliche Verwaltungen setzen inzwischen auf die neuen Führungskräfte. Städte wie Hamburg, Darmstadt oder Sankt Gallen leisten sich einen CDO, aber auch bei Landesregierungen sind erste Vertreter zu finden. Etwa die Hälfte der CDO – 47 Prozent – stammt aus kleinen und mittleren Unternehmen oder der Verwaltung. Ende 2016 lag dieser Anteil bei unter 40 Prozent.

Leider nimmt die Zahl der Frauen unter den CDO ab. Ihr Anteil rutschte unter sieben Prozent. Das sollte Anlass zum Nachdenken geben: in einer immer diverseren Welt und einer Wirtschaft, die sich an Kundenwünschen orientiet, sollten Frauen auch als CDO beim digitalen Wandel  mitentscheiden können. Weiterhin offen bleibt auch die Frage, wo ein CDO in der Organisation verankert werden sollte: Im deutschsprachigen Raum ist vermutlich nur etwa jeder Fünfte Teil von Geschäftsführung oder Vorstand. Angesichts der Breite seiner Aufgaben kann es aber von Vorteil sein, die Position gerade nicht in die Unternehmensleitung zu integrieren.

Oliver Merx

Über den Autor: Oliver Merx hat den CDO-Kompass mit­initiiert und ist Digital Business Development Manager in einer Münchner IT-Be­ratung. Zuvor war Merx als Manager, Berater und Softwareentwickler bei Startups, Verlagen und Internet-Dienst­leistern beschäftigt.

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